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Identität im Quantennebel – Vol. 1 – Prolog III – Erste Fragen

Das Haus war still.

Nicht, weil niemand da war. Sondern weil jeder gerade seinem eigenen Rhythmus folgte.

Oben im Büro zeigte die Uhr 10:12.

Adi’ra saß tief in der alten dunkelgrünen Chesterfield-Couch. Die Beine ausgestreckt, die Thermoflasche neben sich auf dem kleinen Beistelltisch. Durch das große Ostfenster fiel helles Vormittagslicht auf den geölten Holzboden.

Deys Blick wanderte langsam durch den Raum.

Links die Hutsammlung.

Jeder einzelne Hut erinnerte an eine Reise, einen Menschen oder eine Geschichte.

Der abgewetzte australische Lederhut.

Der helle Panama aus Ecuador.

Der Stetson vom Vorabend.

Ein paar Sekunden blieb der Blick dort hängen.

Dann weiter.

In der Ecke standen die Gitarren.

Nicht viele.

Aber jede hatte ihren eigenen Charakter.

Die alte schwarze Stratocaster.

Die halbhohle Jazz-Gitarre.

Die akustische Zwölfsaitige.

Ein leises Lächeln huschte über Adi’ras Gesicht.

“Eigentlich müsste ich mal wieder spielen.”

Der Gedanke verschwand genauso schnell wieder.

Stattdessen kam etwas anderes zurück.

Das Gespräch mit Nana.

“Bitte erinner mich nicht daran.”

Dann Kasandra.

“Sag mal … seit wann bringt sich die HomeAI eigentlich so selbstständig mit ein?”

Adi’ra runzelte die Stirn.

“Hast du in letzter Zeit wieder Optimierungen programmiert?”

Nein.

Eigentlich nicht.

Seit Wochen nicht.

Die Vorbereitungen für die große gemeinsame Reise hatten fast jede freie Minute verschlungen.

Packlisten.

Wettermodelle.

Versorgungsplanung.

Routen.

Und seit einigen Tagen machte dey etwas anderes zunehmend unruhig.

Das Wetter.

Die Modelle drifteten auseinander.

Zu stark.

Zu schnell.

Vielleicht sollte ich doch spontan zwei Wochen nach Schweden fahren.

Nicht mit dem Van.

Mit dem alten Ranger.

Einfach beobachten.

Messen.

Reden.

Verstehen.

Adi’ra nahm die Thermoflasche, schraubte sie auf und trank einen langen Schluck des leicht salzigen isotonischen Wassers.

Kühl.

Genau richtig.

Dey stellte die Flasche zurück und stand auf.

Mit wenigen Schritten ging Adi’ra hinüber in die Arbeitsecke.

Der höhenverstellbare Schreibtisch fuhr lautlos auf Sitzhöhe.

Der große HoloWideScreen blieb zunächst dunkel.

Adi’ra setzte sich.

„Computer.”

Keine Antwort.

Ein kurzer Moment.

Dann musste dey selbst grinsen.

„LogIn.”

Über dem Bildschirm blinkte die kleine Kamera einmal auf.

Ein kaum hörbares Signal.

Auf dem Display erschien für wenige Sekunden:

FaceReg
Identity Check … OK

Der Desktop baute sich auf.

Mehrere Arbeitsbereiche erschienen nacheinander.

Wettermodelle.

Kartendaten.

Projektordner.

JCMI.

Identity.

Reiseplanung.

„Computer.”

„Ja, Adi’ra?“

„Synchronisiere das PlaudBand von gestern.”

„Synchronisation gestartet.”

Ein kleines Symbol erschien in der rechten oberen Ecke.

Plaud Sync …

43 %

61 %

84 %

100 %

Synchronisation abgeschlossen.

Adi’ra lehnte sich zurück.

Dey hatte das Gespräch gestern gar nicht bewusst analysiert.

Es war einfach ein schöner Abend gewesen.

Training.

Lachen.

Kasandra.

Nana.

Cowgirl.

Der Stetson.

Und trotzdem…

Irgendetwas ließ dey nicht los.

Nicht das Training.

Nicht die Sensoren.

Nicht einmal die ungewöhnlich schnelle Regeneration.

Sondern etwas ganz anderes.

Adi’ra nahm noch einen Schluck.

Der Blick glitt aus dem Ostfenster.

Ein paar Vögel stritten sich lautstark um einen Ast.

Weiter hinten bewegten sich die Kronen der Bäume nur ganz leicht.

Der Wind hatte endlich eingesetzt.

„Computer.”

„Ja?“

„Starte Logbook-Notizaufzeichnung.”

Ein kleines rotes Symbol erschien links unten.

LOGBOOK

Aufzeichnung läuft.

Adi’ra schwieg.

Fast zwanzig Sekunden lang.

Dann begann dey langsam zu sprechen.

„Logbook.”

Noch eine Pause.

„Eigentlich wollte ich heute nur das Gespräch von gestern archivieren.”

Dey sah auf die Zeitleiste des PlaudBands.

„Aber seit heute Morgen beschäftigt mich eine andere Frage.”

Der Cursor blinkte.

Die Aufnahme lief weiter.

„Ich weiß nicht mehr…”

Adi’ra hielt inne.

“…seit wann wir von uns sprechen.”

Stille.

Nicht im Haus.

Nicht im Büro.

Sondern in Adi’ras Gedanken.

Dey spulte die Aufnahme des Vorabends an den Anfang zurück.

Der Finger schwebte über ▶︎.

„Computer.”

„Ja?“

„Markiere diese Aufzeichnung als…”

Adi’ra dachte kurz nach.

“…Mustersammlung.”

„Kategorie angelegt.”

Ein weiteres Fenster erschien.

MUSTERSAMMLUNG

Fall 0001

Offene Fragestellung

Adi’ra las die Zeile.

Dann lächelte dey zum ersten Mal an diesem Vormittag.

„Das…”

murmelte dey.

„…passt erstaunlich gut.”

Der Cursor blinkte geduldig.

Adi’ra begann zu tippen.

Erste Frage:

Seit wann sprechen wir von uns?

Dey setzte den Cursor hinter das Fragezeichen.

Er blinkte.

Eine Antwort kam nicht.

Nur ein leises Gefühl.

Dass diese Frage vermutlich viel älter war als der gestrige Abend.

Und dass sie das Leben verändern würde.